von Alfred Hintz
Buenos Aires, 30. September 1958. Sanatorium Albertal. Pauline Oppenheimer, geb. Sternheim (65) ist krank und kann in den Amtsräumen der Bundesrepublik Deutschland in Buenos Aires nicht erscheinen. In einer Erbschaftsangelegenheit nimmt Legationsrat Dr. Werner Schattmann deswegen ein „Protokoll“ im Sanatorium auf.
In nüchterner, bürokratischer Sprache hält der Vertreter der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland ein unvorstellbares, schreckliches Schicksal schriftlich fest. Es ist ein Protokoll des Grauens. Pauline Oppenheimer wurde am 8. Dezember 1893 in Ergste geboren. Ihr Bruder Leopold Sternheim, ebenfalls aus Ergste, Offerbachstraße 10, wurde deportiert und umgebracht. Er war mit Emma Sternheim, geb. Oppenheimer (21.3.1890) verheiratet, die von den braunen Machthabern ebenfalls in ein Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden, wie auch die drei Kinder Hans (28.8.1912), Edith und Ursel Sternheim (29.7.1922).
Legationsrat Dr. Werner Schattmann notiert weiter: Leopold Sternheim hatte neben Pauline Oppenheimer noch folgende Geschwister: „Hermann Sternheim. Er wurde deportiert und ist umgekommen. Irma Kohnen, geb. Sternheim. Sie wurde deportiert und ist umgekommen. Else de Vries, geb. Sternheim. Sie wurde deportiert und ist umgekommen.“
Die vier Kinder von Else de Vries - Erwin, Irma, Paula und Netti - wurden ebenfalls in ein Todeslager deportiert und ermordet. Eine weitere Schwester von Leopold Sternheim, Grete Kunzendörfer, geb. Sternheim, „wurde zusammen mit ihrem einzigen Sohn deportiert. Beide sind umgekommen.“
Pauline Oppenheimer entkam dem Holocaust. Sie starb, fern dem heimatlichen Ergste, in Buenos Aires. Das Leben von dreizehn Menschen, Verwandte, Brüder, Schwestern, Nichten, Neffen und Schwägerin wurde ausgelöscht.