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Schicksale in Schwerte: Julius Mildenberg

von Alfred Hintz

 

Julius Mildenberg, der an der Jägerstraße 1 ein Kolonialwarengeschäft betrieb, floh etwa 1938 vor der nationalsozialistischen Verfolgung auf abenteuerlichen Wegen über Belgien nach Brasilien. Da er aber die Landessprache nicht oder allenfalls äußert unzureichend beherrschte, hatte er Probleme, dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

 

Am 3. Juni 1948 stellte er aus Sao Paulo einen Wiedergutmachungsantrag an das Zentralamt für Vermögensverwaltung in Bad Nenndorf (britische Zone). Darin schildert er seine erbärmliche, materielle Situation:

„Heute“, schrieb er, „komme ich mit der dringenden Bitte, mein Gesuch bevorzugt zu behandeln.“ Er sei 71 Jahre alt, absolut nicht mehr erwerbsfähig und völlig mittellos. Bisher habe er von geringen finanziellen Zuwendungen seiner Verwandten gelebt. Auf diese geringfügige Unterstützung müsse er nun wegen Krankheit und Sterbefall in der Verwandtschaft verzichten.

„Ich persönlich bin durch die damalige Zerstörung meines Vermögens und durch die Tortour des Konzentrationslagers körperlich zerrüttet, weshalb ich Sie dringend bitte, meine Sache bevorzugt zu bearbeiten, damit ich noch etwas von der Wiedergutmachung habe.“

 

Diese Darstellung wird von seinem Neffen, Walter Neublum, der mit seiner Mutter Johanna von Schwerte ebenfalls nach Sao Paulo emigrierte, in einer eidesstattlichen Versicherung bestätigt. Mildenberg sei in der ersten Zeit durch die Kongregation Israelita Paulista finanziell unter die Arme gegriffen worden. Zwölf Jahre lang habe er, der Neffe, den gesamten Lebensunterhalt seines Onkels und auch seiner Mutter bestritten.

 

Mildenberg , der am 12. 6. 1878 in Schwerte geboren wurde, mußte 9 400 RM „Judenbuße“ zahlen. Die deutschen Juden wurden nach der sog. „Reichskristallnacht“ durch die Verordnung vom 12. November 1939 zur „Zahlung einer Kontribution von 1 000 000 000 Reichsmark an das Deutsche Reich verpflichtet. Sie hatten alle Schäden, die während des Pogroms an ihren Betrieben und Wohnungen entstanden waren, sofort zu beheben. Die Kosten für den Ersatz zerschlagener Schaufenster und für die Reparatur der Geschäftseinrichtungen hatten die „Inhaber der betroffenen Betriebe“ selbst zu tragen. Alle Versicherungsansprüche der Juden wurden zugunsten des Reiches beschlagnahmt. Darüber hinaus mußte Mildenberg vor seiner Emigration 12 264 „Reichsfluchtsteuer“ zahlen. Für den Betrag von 11000 RM, den er bei der Golddiskobank entrichtete, erhielt er unter Abzug von 94 Prozent durch die Bank 733,33 uruguaysche Pesos bzw. das Visum.

 

Sein Haus an der Jägerstraße wurde bei einem Bombenangriff völlig zerstört.

 

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