Recherche und Text: Claudia Becker-Haggeney
Der am 15.02.1886 in Altenbecken geborene Joseph Kölling sollte nach Willen seiner Eltern eigentlich Pfarrer werden. Seine Familie stammte ursprünglich aus Hannover. Gegen den Willen seiner Familie heiratete er 1907 die jüdische Hedwig Hirschberg (geb. 22.04.1882 in Sievershausen) in Holzminden. Die Eheschließung muss in seiner Familie zu vielen Diskussionen geführt haben, denn nach der Hochzeit hat Joseph nie wieder eine Kirche betreten.
Die ersten Ehejahre von Hedwig und Joseph waren geprägt von Veränderungen. Sie lebten in Langenberg, Niedersessmar und Wuppertal Barmen bis sie nach Schwerte zogen. In Gummersbach arbeitete Joseph Kölling als Bahnhofsvorsteher.
Hedwig und Joseph hatten fünf Kinder: Bernhard(geb.09.08.1907 in Langenberg), Harriet (geb.29.06.1912 in Niedersessmar), Hannah (geb.28.04.1918 in Wuppertal Barmen), Gisela (geb.26.02.1909 in Langenberg) und Ursula (geb.02.06.1920 in Schwerte).
In Schwerte lebten sie in der Hüsingstraße 1 und eröffneten am Markt ein Geschäft für Tapeten und Farben. Alte Schwerter Bürger erinnern sich noch, dort eingekauft zu haben, wo sie von Hedwig beraten wurden.
Als nach dem ersten Weltkrieg die Versorgungslage in Deutschland schlecht war, schickten Hedwig und Joseph ihre Kinder Harriet und Bernhard zu Pflegefamilien in das benachbarte Holland, in das „Land wo Milch und Honig fließen“. Harriet genoss das Leben in der holländischen Familie sehr, da ihr als Kind in der Familie mehr Zeit gewidmet wurde als im Geschäftshaushalt ihrer Eltern. So hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen, als ihre Eltern sie wieder abholten. Harriet galt in der Familie als „rebellisches Kind“. Als Tochter aus gutem Haus sollte sie einen reichen Mann heiraten. Sie setzte durch, erlernte einen Beruf und wurde Frisörin.
In dieser Zeit entstand die Beziehung der Familie zu den Niederlanden.
Die jüngste Tochter Ursula erkrankte als Kind schwer. Die Ärzte erklärten den besorgten Eltern, dass ihre Tochter nicht sehr alt werden würde. So wurde sie von der Familie sehr verwöhnt und konnte immer ihren Willen durchsetzen. Die Repressalien durch das Naziregime und Verfolgung waren für sie besonders schwer zu ertragen.
Der Sohn Bernhart eröffnete am Markt in Schwerte ein Café. Als ihm durch die Nazis die Schankgenehmigung entzogen wurde, musste er das Café aufgeben. Er heiratete die Jüdin Hildegart Stegemann. Mit seiner Familie flüchtete er in die Niederlande. Seine Eltern und Geschwister folgten ihm einige Zeit später. Die Familie lebte in Gennep in der Provinz Limburg in den Niederlanden.
Am 08.09.1943 wurde Hedwig Kölling durch die Gestapo verhaftet. Ihre Deportation nach Auschwitz erfolgte am 17.07.1944. Dort wurde Hedwig ermordet.
Josef Kölling war nach der Verhaftung von Hedwig nicht bereit, sich von ihr scheiden zu lassen. Aus diesem Grund wurde er 1943 nach Dachau deportiert. Nach der Befreiung aus dem KZ kehrte er 1945 nach Schwerte zurück und wohnte in der Graf-Ardolf-Str. 5 in Schwerte. Von seiner Tochter Gisela wurde er gepflegt. Die lange Zeit in Dachau mit ihren Qualen hatte seiner Gesundheit sehr zugesetzt. Später heiratete er noch einmal.
Bernhard Kölling tauchte mit seiner Familie unter und überlebte die Nazizeit mit seiner Familie im Versteck. Sein Sohn Bob erinnert sich noch an die Zeit im Versteck.
Die Schwestern Harriet, Hannah, Gisela und Ursula wurde 1944 in ein holländisches Lager evakuiert. Später arbeiteten sie in einem deutschen Krankenhaus in Nimwegen. Mehrfach sollten sie nach Deutschland deportiert werden. Zwei deutsche Ärzte verhinderten dies. Jede Woche mussten sie sich in der Polizeistation in Gennep melden, was für sie mit existenzieller Angst verbunden war. Auch die Arbeit in dem Krakenhaus war für sie sehr belastend. Sie erlebten wie die SS jüdische Babys an die Wand warfen, um sie zu töten.
Gisela die ihren Vater nach dem Krieg pflegte, heiratete später Franz Gappskie und lebte bis zu ihrem Tot vor zwei Jahren in Hagen. Harriet, Hannah und Ursula blieben in den Niederlanden, wo ihre Kinder und Enkel noch heute leben.
Joseph Kölling sprach nie über seine Zeit in Dachau. Sein Sohn Bernhard fragte ihn immer wieder. Eines Tages zog er sich mit ihm zu einem Gespräch zurück. Aus diesem Gespräch kehrte Bernhard nach Berichten der Enkel sehr verändert zurück.
Von seinem Enkel wurde Joseph gefragt, ob er sich nicht vor den Deutschen ekelt. Joseph verneinte dies. Er erklärte ihm, dass einer seiner Nachbarn ein holländischer Nazi sei, der nach dem Krieg nach Deutschland gegangen sei, um in den Niederlanden nicht wegen seiner im Krieg begangenen Taten belangt zu werden. Dies sei für ihn viel schwerer zu ertragen.
In der Zeit, in der die Familie in Schwerte lebte, erwarben die Eheleute Kölling zwei Häuser, um für ihren Lebensabend vor zu sorgen. Joseph Kölling versuchte nach dem Krieg nicht, diese Immobilien wieder zu bekommen. Er vertrat die Meinung, dass die Besitzer in der Zwischenzeit so häufig gewechselt hätten, dass er den jetzigen Besitzern nur Leid antun würde.