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Reinmod oder Imeza?

Wer gab die "curtis sverte" an das Stift Xanten?

Ein Beitrag von Reinhold Stirnberg, Schwerte, Juli 2008

 

Vor dem Hintergrund neuester Gesichtspunkte in der Geschichtsschreibung beschäftigt sich der folgende Beitrag von Reinhold Stirnberg mit der Gründung der Schwerter St.Viktor-Kirche.

 

Wer gab die "curtis sverte" an das Stift Xanten?

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Nach den irreführenden Aufzeichnungen dreier Xantener Scriptoren, die zwischen 1250 und 1304 entstanden, und die der letzte Xantener Stiftsarchivar Pels 1797 zusammengetragen hat, soll eine gewisse Reginmuod, Richmoet, Reinmod etc., auch genannt Imeza, Emeza, Embza etc., oder Enriga, ihre beiden Hofbesitzungen (curtes) Schwerte und Dorsten dem Stift Xanten übertragen haben.

 

Als ab 1863 der Dorstener Kirchenhistoriker Julius Evelt seine Forschungsergebnisse dazu veröffentlichte, stellte er darin, wie nach ihm auch Oediger, die Nichtidentität von Reginmuod/Reinmod und Imeza/Emeza fest, wobei er den Namen Enriga von vorneherein ausschloss. Nach seiner Überzeugung war Reinmod als Stifterin von Schwerte und Dorsten anzusprechen, wovon auch ich vor Jahren noch ausgegangen bin.

 

Reinmod identifizierte Evelt wiederum mit einer gewissen Reinmod, die 1030, mit Hilfe des Bischofs Siegfried von Münster (1022 – 1032), im westlichen Münsterland sieben Eigenkirchen gründete, die sich später im Besitz der Grafen von Cappenberg und der Grafen von Kalvelage-Ravensberg befanden. Daraus schloss Evelt zu recht auf eine Verwandtschaft dieser Reinmod mit den Cappenbergern. Diese These Evelts wurde 1927 von Otto Schnettler und von Prof. Paul Feldhügel in seiner "Geschichte der Stadt Schwerte" aufgegriffen; seitdem geistert die „Cappenberger Matrone Reinmod“ durch die heimatgeschichtliche Literatur.

 

Nach dem heutigen Forschungsstand kommt jedoch nur Imeza/Emeza als Stifterin in Betracht, wie Friedrich Wilhelm Oediger 1958 überzeugend dargelegt hat. Auch Wilfried Reininghaus hat 1997, in seinem Beitrag im Schwerte-Buch, unter Bezug auf Oediger, auf Imeza als Stifterin hingewiesen. Bevor ich jedoch auf Imeza als Stifterin der Höfe Schwerte und Dorsten näher eingehe, müssen wir uns zuvor mit dem Hof zu Schwerte und der seltsamen Reginmuod/Reinmod beschäftigen.

 

Während wir über den Xantener Hof zu Schwerte und die Anzahl der zu seiner Villication gehörigen bäuerlichen Hufen nichts wissen, und nur erschließen können, dass die Höhe seiner Abgaben in etwa vergleichbar mit der des Hofes zu Dorsten war, sind wir über die Größe der Dorstener Villication genau unterrichtet.

 

In den Xantener Hof gehörten ursprünglich nur 29 bäuerliche Hufen. Hinzu kamen im 14. Jahrhundert noch die 17 Hufen der aufgelösten Xantener curtis Raesfeld. Der Löwenanteil der Dorstener Abgaben resultierte jedoch aus dem „Zehnten“ von 319 Hufen im „Vest“, der vormaligen Grafschaft Recklinghausen. Wohlgemerkt, nicht die Höfe selbst, sondern nur der von ihnen zu leistende Zehnt, der ja nur einen Teil der Gesamtlasten eines Hofes darstellte, war im Besitz des Stiftes.

 

Mit der Erhebung dieses Zehnten war die curtis Dorsten beauftragt. Dieser Zehnt musste zusammen mit den Abgaben der anderen curtialen Höfe, von dem Xantener Schultheißen, nach Abzug seines Eigenbehaltes, an das Stift abgeführt werden.

 

Auf der Basis der Dorstener Daten errechnet sich so für die Schwerter Villication eine Größe von mindestens 100 vollhörigen Hufen. Danach übertraf die Größe der Xantener curtis sverte die der curtis sverte der Grafen von Altena-Mark etwa um das Fünffache. Wie die Höfe Xanten, Bislich, Ilth und Mehr am Niederrhein, gehörten auch die Höfe von Dorsten und Schwerte zum Kreis der 6 „curtes principales“, den Haupthöfen des Stiftes, die im wöchentlichen Wechsel durch ihre Lieferungen die direkte Lebensmittelversorgung des Stiftes sicherzustellen hatten.

 

Nach der Xantener Überlieferung stammte der Zehnt der 319 Hufen im Vest Recklinghausen aus dem Besitz der vorgenannten Enriga, die im Jahre 1600 der Kölner Registrator Baumann, im Auftrag des Kölner Erzbischofs Ernst von Bayern, als letzte Gräfin von Recklinghausen ermittelt hatte. Die schon von Evelt, wie auch von Oediger verworfene These der Identität von Imeza und der Gräfin Enriga hat 2002 Franz Schuknecht, anlässlich seines Vortrages auf Schloss Lembeck wieder aufgegriffen. So vermutete er, dass es sich bei „Enriga“ um eine verderbte Schreibweise von „Emeza“ handelte.

 

Diese These steht allerdings auf sehr schwachen Füßen, da sie eine dreifache Verwechslung beinhalten würde: Erstens, die des „m“ mit der Ligatur „nr“; zweitens, die des „e“ mit einem „i“, und drittens, die des „z“ mit einem „g“, wobei Letzteres, aufgrund der Unterlänge des „z“ in der damaligen Urkundenschrift, vielleicht noch möglich wäre.

 

Viel wahrscheinlicher ist allerdings die Vermutung, dass es sich bei Enriga um die Kurzform eines mehrsilbigen weiblichen Regin-Namens handelt, der sehr wohl Reginmuod gelautet haben könnte. Dies würde jedenfalls erklären, warum Reginmuod/Reinmod neben Imeza/Emeza als Stifterin von Dorsten und Schwerte erscheint. Doch ist das Problem vorerst noch nicht zu lösen.

 

Zu Imeza/Emeza ist folgendes festzustellen. Wie Gustav von Schenck zu Schweinsberg bereits 1904 belegen konnte, ist „Imiza“ (Imeza/Emeza) die Kurz- oder Necknamensform von „Irmentrud“ (Ermentrud). Nun ist es gewiss kein Zufall, dass wir in unmittelbarer Nachbarschaft Schwertes im 11. Jahrhundert eine Gräfin Irmentrud (Irmendrudis) finden, die ihrem mutmaßlichen Neffen, dem späteren Kölner Erzbischof Hermann III. von Hochstaden (1089 – 1099) insgesamt 14 Liegenschaften (praedia) vermacht hatte, darunter auch Halinge (Halingen), Liure (ein Teil des Lürwaldes, mit den Lür-Höfen Böckelühr, Lieselühr, Schwarzelühr und Körbeslühr?), Argeste (Ergste) und Edelenkirecha (Edelkirchen bei Halver). Diese 14 Besitzungen schenkte Erzbischof Hermann III., genannt „der Reiche“, am 13. Dezember 1096 der Benediktinerabtei Siegburg, „zu seinem eigenen Seelenheil und zur Ehre des Erzbischofs Anno“, wie der Text der Urkunde lautet.

 

Bei der Namensentsprechung von Irmentrud und Imeza, der Nähe von Schwerte zu Ergste, dem Faktum, dass Irmentrud wie Imeza „um 1050“ gelebt haben, und dem Umstand, dass beide Frauen starben, ohne eheliche Leibeserben zu hinterlassen, und ihren Besitz in andere Hände gaben, lässt das nur einen Schluss zu: Bei Irmentrud und Imeza muss es sich um ein und dieselbe Person handeln! Danach hat Irmentrud/Imeza den größten Teil ihres allodialen Besitzes ihrem Neffen hinterlassen und sich mit ihren beiden curtes Schwerte und Dorsten in das Stift Xanten „eingekauft“! Auch die große Entfernung zwischen Schwerte und Dorsten ist da kein Ausschlusskriterium, wie anhand der weiten territorienübergreifenden Streuung der Irmentrud’schen Besitzungen abzulesen ist (z.B. Flamesfelt = Flammersfeld bei Altenkirchen a.d. Wied, Louesberc = Lousberg bei Aachen(?) und Strale = Straelen a.d. Niers).

 

Hinsichtlich der Identität der Irmentrud/Imeza möchte ich, im Vorgriff auf meine spätere Publikation, folgendes festhalten:

Nach dem derzeitigen Forschungsstand handelt es sich bei der Gräfin Irmentrud/Imeza um eine der drei Töchter des Pfalzgrafen Otto von Lothringen (1034 – 1045) und Herzogs von Schwaben (1045 – 1047). Otto war der Sohn des Pfalzgrafen (Irmenfrid/Ermenfrid) Erenfrid III., genannt Ezzo (996/99 – 1034, * ca. 955) und der Liudolfingerprinzessin Mechthild (977 – 1024), der Tochter Kaiser Ottos II. (973 – 983) und Schwester Kaiser Ottos III. (983 – 1002, * 980).

 

Mit ihrer Schwester Richeza III. (übrigens auch ein Regin-Name) teilte sich Irmentrud/Imeza offenbar die ererbten Besitzungen an der Ruhr, die, wie die thüringischen Besitzungen der Ezzonen, um Coburg und Saalfeld, vermutlich von ihrer Großmutter Mechthild herrühren dürften. Der Name der dritten Tochter Ottos von Lothringen ist nicht bekannt. Nach Emil Kimpen und Wilhelm Thöne spricht alles dafür, dass sie die Mutter von Erzbischof Hermann III. und Graf Gerhard I. (1074 - 1114 urk.) von Hochstaden war. 

 

Richezas Güter lassen sich, nach A.K. Hömberg, im Raum zwischen Arnsberg und der Hönne lokalisieren, darunter Wicheln, Hachen, Habbel bei Hüsten und der Bieberhof bei Menden-Lendringsen, nebst den zugehörigen Teilen des Lürwaldes.

 

Wann Irmentrud/Imeza starb ist nicht bekannt. Jedenfalls wurde sie im Hochchor des Xantener Domes in einem großen Steinsarkophag bestattet, in unmittelbarer Nähe der sogenannten „Märtyrergräber“, bei deren Entdeckung auch ihr Sarkophag aufgefunden wurde. Als man 1934 den Sarkophag entdeckte und öffnete, fand man neben ihren Gebeinen auch die Überreste eines Kindes, dessen Geschlecht aber unbekannt ist. Allerdings berichtet schon das 1397 aufgestellte Verzeichnis aller in der Stiftskirche bestatteten Personen: „Quiescit et hic Imetza comitissa cum filia – Es ruht hier auch die Gräfin Imetza mit ihrer Tochter“. In einem späteren Text ist von einem „filiolo“, einem Söhnchen die Rede.

 

Starb Imeza schon als junge Frau und wurde ihr zeitgleich verstorbenes Kind zusammen mit der Mutter bestattet, oder wurde es erst Jahre später in den Sarg der verstorbenen Mutter umgebettet? Wir wissen es nicht. Ich möchte aber Letzteres annehmen.

 

Für ihre großherzige Schenkung erhielt Imeza zu ihrer standesgemäßen Versorgung eine der 48 Kanonikerpräbenden des Stiftes, allerdings ohne Sitz und Stimme im Konvent. Im Zuge ihrer Schenkung hatte Imeza zuvor für sich auch eine Memorie gestiftet und genau bestimmt welche Speisen und in welchen Mengen, sowie Geld- und Sachleistungen, die Xantener Kellerei zur jährlichen Feier ihres Gedächtnismahles bereitzustellen hätte. Diese Memorienstiftung hat sich später der Kölner Erzbischof Anno II. (+ 1075) zum Vorbild für seine eigene Memorie genommen, die er in Xanten errichtete. Daraus kann geschlossen werden, so Oediger, dass Imeza jedenfalls vor 1075 gestorben sein muss. Die Schenkung der Höfe von Schwerte und Dorsten an das Stift Xanten diente also zu Imezas Alterssicherung und der Vorsorge für ihr Seelenheil. Danach dürfte Imeza zum Zeitpunkt ihrer Stiftung bereits im „vorgerückten Alter“ von etwa vierzig Jahren gestanden haben.

 

Hinsichtlich des Alters der Schwerter St. Victor Kirche ist folgendes festzustellen. Die Annahme einer Gründung der Kirche durch das Stift Xanten, um 1050, beruht einzig und allein auf ihrem St. Victor- und St. Gereonpatrozinium. Urkundliche oder archäologische Hinweise auf ihr Alter gibt es nicht.  So erbrachte auch die Kurzgrabung von 1996 in St.Victor durch Martin Salesch, bei der die Fundamentreste einer ersten kleinen steinernen Hallenkirche aufgedeckt wurden, keine datierbaren Funde.

 

Angesichts der außergewöhnlichen Größe der Schwerter Villication wäre es schon mehr als ungewöhnlich, wenn die curtis Schwerte zur Zeit Imezas, oder früher, keine eigene Hofeskirche besessen hätte. Es spricht daher alles für ein erheblich höheres Alter der Schwerter Kirche. Es ist daher zu vermuten, dass nach dem Übergang des Hofes Schwerte an Xanten, die Kirche eine Patroziniumsänderung zu Gunsten der Stiftsheiligen St. Victor und St. Gereon erfuhr.

 

Der ursprüngliche Patron der Schwerter Kirche scheint, neben der Gottesmutter Maria, Johannes der Täufer gewesen zu sein, der offenbar nach der Umwidmung der Kirche, hinter den Hl. Victor zurücktreten musste, aber keineswegs in Vergessenheit geriet. So finden wir seine bildliche Darstellung, mit dem Lamm Gottes als Attribut, im zweiten Schlussstein des 1523 fertiggestellten Chores. Ferner gehört seine Holzstatue auch zur Figurentriade des goldenen Antwerpener Altares von 1523, die den Altar bekrönt. So erblicken wir auf dem linken, ranghöheren, Säulenkapitell Johannes den Täufer, wieder mit dem Lamm Gottes, und rechts, auf dem rangniederen Kapitell, die zwischen 1939 und 1945 verstümmelte Figur des Hl. Victor, dessen Attribute, Fahnenlanze und Schwert, heute fehlen. Beide Statuen flankieren das erhöhte Standbild der Gottesmutter Maria mit dem Kinde, ihrem Sohn eine Weintraube darbietend.

 

Nach Luc F. Genicot (Kath. Universität zu Louvain/Belgien) und Jakob Torsy (Bischöfliches Diözesanarchiv Köln) waren Johannes dem Täufer seit der karolingischen Zeit Krypten und Taufkapellen (Baptisterien) geweiht. Gleichzeitig war er auch beliebter Patron von Kirchen mit Taufrecht, das adligen Eigenkirchen normalerweise nicht zustand. Ob wir aus einem älteren Patrozinium Johannes des Täufers über die Schwerter Kirche tatsächlich darauf schließen dürfen, dass sie schon vor ihrem Übergang an Xanten das Taufrecht besessen habe, und die Gründung der Kirche möglicherweise schon in das 9. Jahrhundert anzusetzen ist, sei hiermit zur Diskussion gestellt.

 

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Den vorstehenden Beitrag, den Reinhold Stirnberg freundlicherweise für die Veröffentlichung auf der Schwerter Homepage www.schwerte.de zur Verfügung gestellt hat, unterliegt dem Urheberschutz, d.h. ausschließlich Reinhold Stirnberg als Urheber hat die entsprechenden Verwertungsrechte, wie das Vervielfältigungs-, das Verbreitungs- oder das Ausstellungsrecht. Das unbefugte Vervielfältigen oder Verbreiten dieses Texte durch Dritte ist nicht gestattet 

 

 

 

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Der heilige Victor von Xanten

Der Hl. Victor vom Xantener Dom, von Meister Blankenbyl, 1468, hier mit Pilgerhut und Jacobsmuschel

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